Darmstädter Echo, Wirtschaft Südhessen: Frühstück mit Nebenwirkungen

Artikel in Echo-Online & Darmstädter Echo 02. September 2011  | Von Alexandra Eckhardt

Frühstück mit Nebenwirkungen

Netzwerk: Einmal die Woche treffen sich Darmstädter Unternehmer, um bei Kaffee und Brötchen ihre Geschäfte anzukurbeln

Eine Kehrmaschine säubert die Straßen vom Gestern, nur vereinzelt sind schon Menschen auf den Beinen. Und im Parkhaus Grafenstraße ist noch keiner der eingangsnahen Frauenparkplätze belegt – ein irritierendes Bild. Um 6.30 Uhr morgens ist Darmstadt ohne Zweifel noch vollkommen verschlafen.
Aus einem Konferenzraum des Best Western Hotels allerdings dringen trotz der frühen Stunde aufgeweckte Gespräche nach draußen. Auf den ersten Blick scheint die Personen, die sich hier versammeln, nur wenig zu verbinden. Noch bevor der Arbeitstag beginnt, treffen sich hier unter anderem eine Schmuckdesignerin, ein Ernährungsberater, ein Grafiker und ein Zimmerermeister.
Sie alle sind Mitglieder im „Chapter Büchner“, dem Darmstädter Ortsverband des weltweiten Netzwerks BNI (Business Network International): Jede Woche sind sie frühmorgens zur Stelle, um neue Geschäfte einzufädeln.
Aber welche Geschäfte macht Zimmerermeister Matthias Lehr mit Christine Sissouno, der Inhaberin eines Schönheitssalons? „Wer mit seinen Kunden viel im Gespräch ist, erfährt auch deren Bedürfnisse und kann diese weitergeben“, sagt Matthias Lehr. Steht beispielsweise eine Hochzeit an, empfiehlt Lehr der Braut guten Gewissens einen Besuch bei Christine Sissouno. Umgekehrt revanchiere sie sich mit der Weitergabe seiner Visitenkarte, wenn eine Kundin ihr etwa vom geplanten Umbau ihres Zuhauses erzähle.
„Als kleiner Unternehmer ist es schwierig, an sinnvolle Geschäftskontakte zu kommen“, sagt Grafiker Claus-Jürgen Junglas. „Letztendlich lebt man von Weiterempfehlungen und Folgeaufträgen – und hier im BNI ist genau das organisiert.“
Und zwar ziemlich straff. Punkt sieben Uhr darf eiligst das Frühstücksbüfett geplündert werden, und kaum, dass alle sitzen, eröffnet Unternehmensberater und Chapter-Direktor Christian Görtz das zeitlich und formal eng strukturierte Schauspiel.
Der Reigen beginnt mit der Selbstpräsentation eines jeden Teilnehmers. Gespannte Erwartung – die Situation erinnert ein wenig an längst verdrängte Schultage, als die Hausaufgabe Schillers „Bürgschaft“ war: Wann bin ich dran? Kriege ich meinen Text auch fehlerfrei über die Bühne? Der Unterschied ist: Der Kelch geht hier an keinem vorüber – jeder muss mal.
Und weil das alle wissen, haben sich die meisten gewissenhaft auf ihre 60 Sekunden Redezeit vorbereitet. Da werden Slogans und Anekdoten ausgepackt, Metaphern und Wortspiele – und es wird viel gelacht. Mal, weil dem Vortragenden eine gute Pointe gelungen ist, mal, weil das akribisch vorbereitete Wortgerüst in sich zusammenstürzt, seine Wirkung aber trotzdem nicht verfehlt.
Doch wehe dem, der sich nicht an die strikte Zeitvorgabe hält: Nach 50 Sekunden bekommt man die gelbe Karte gezeigt, die eindringlich „noch zehn Sekunden“ warnt. Und nimmt der Redner dies nicht zum Anlass, schnell noch einmal Luft für den letzten, den allerletzten Satz zu holen, dann unterbricht ihn gar eine Klingel, die, optisch untermauert mit der roten Karte, unmissverständlich das Ende des Vortrags einläutet.
Aufatmen nach der Pflicht, Verschnaufpause bis zur Kür. Für alle bis auf einen, denn bei jedem Treffen hält eines der BNI-Mitglieder eine ausführliche, zehnminütige Präsentation. Die anderen dürfen sich derweil zurücklehnen und eine Tasse Kaffee nachschenken. Heute ist Innenarchitektin Karin Herboldt dran und führt ihre Referenzen per Power Point vor. Dabei hält sie sich so vorbildlich an die vorgegebenen zehn Minuten, dass es Lob von Chapter-Direktor Görtz gibt, der sogleich zur Kür überleitet.
Und die Kür, das ist die Ernte: das Kommunizieren und Sichten unternehmerischer Früchte, die im Kreise der 30 Geschäftspartner gewachsen sind. Und das Säen neuer Beziehungen, die am Ende vielleicht einen neuen Auftrag erblühen lassen. Reihum darf jeder einzelne berichten, wen er weiterempfohlen hat und welche Umsätze ihm die Kollegen eingebracht haben. Darf – muss aber nicht. Obwohl Christian Görtz darin nur Vorteile erkennt: „Es ist eine Möglichkeit, sich zu bedanken und die Erfolge der Gruppe sichtbar zu machen.“
Sichtbar ist in den Gesichtern der emsigen Unternehmer am Ende auch die Erleichterung: Geschafft. Die Arbeit ist getan, es darf gearbeitet werden.

zum Artikel